Die Mittelmeer-Partnerschaft: Strom, Aufstieg und Nachbarschaft

140 Kilometer

Zwischen Tunesien und Sizilien liegen rund 140 Kilometer Meer — weniger als von Köln nach Frankfurt. Auf der einen Seite ein alternder Kontinent mit starker Industrie und hohem Energiebedarf. Auf der anderen junge Gesellschaften mit einigen der besten Sonnen- und Windstandorte der Welt — und zu wenig Kapital und Arbeitsplätzen für die eigene Jugend. Jeder hat, was dem anderen fehlt.

Die Frage ist nicht, ob aus dieser Lage etwas entsteht, sondern was: eine Partnerschaft — oder eine weitere Generation gegenseitiger Enttäuschung. Bewegung gibt es bereits: In Berlin wurden im Sommer 2026 rund dreißig Abkommen zwischen Deutschland und Algerien unterzeichnet, im Kern für einen Wasserstoff-Korridor nach Europa.

Die Lehre aus dem ersten Versuch

Wüstenstrom für Europa war schon einmal geplant: Das Industrieprojekt Desertec zerfiel vor gut fünfzehn Jahren — weniger an der Technik als an der Konstruktion. Nordafrika war als Steckdose Europas gedacht; Strom sollte herausfließen, sonst wenig geschehen. Dieses Muster — Rohstoffe raus, Wertschöpfung woanders — hat den Kolonialismus überdauert, und die Jugend südlich des Mittelmeers ist nicht mehr bereit, es hinzunehmen. Wer heute nach dem Steckdosen-Muster plant, plant das Scheitern gleich mit.

Wertschöpfung dort, wo die Energie ist

Der tragfähige Gedanke dreht die Logik um: die billige Energie vor Ort nutzen, um herzustellen, was Europa ohnehin braucht — Stahl mit Wasserstoff statt Kohle, Dünger aus grünem Ammoniak, Grundstoffe der Chemie, Rechenzentren. Über das Meer kommen Produkte, nicht nur Elektronen — und in Marokko, Tunesien und Ägypten entstehen Industriearbeitsplätze, Ausbildung, eine Mittelschicht.

Einen mächtigen Hebel dafür hat Europa bereits gebaut: Die CO₂-Grenzabgabe verteuert seit diesem Jahr Importe, die mit Kohle und Gas hergestellt wurden. Wer in Nordafrika mit Sonnenstrom produziert, verkauft abgabenfrei in den größten Binnenmarkt der Welt — wie aus der Abgabe eine Aufstiegsleiter wird, beschreibt auch das Konzept Klimaschutz. Eine Regel gilt dabei von Anfang an: Wasser zuerst. Wasserstoff braucht Wasser, und Nordafrika ist eine der wasserärmsten Regionen der Welt. Jedes Projekt gehört an Meerwasserentsalzung gekoppelt, mit festem Anteil für die Felder und Städte der Region — sonst ist es das alte Muster in grüner Farbe.

Im Bau, nicht Vision

Die Grundpfeiler existieren bereits. Die EU hat einen Pakt für das Mittelmeer beschlossen und 2026 ein Energieprogramm gestartet, das bis 2035 Investitionen von bis zu 25 Milliarden Euro anstoßen soll. Zwischen Tunesien und Sizilien wird das erste Stromkabel zwischen Europa und Nordafrika gebaut — Fertigstellung geplant 2028. Und ein 3.300 Kilometer langer Wasserstoff-Korridor von Algerien nach Süddeutschland ist in Vorbereitung, großteils aus umgewidmeten Erdgasleitungen.

Man beachte den Endpunkt: die süddeutsche Industrie. Deutschland ist nicht Zuschauer dieser Entwicklung — es ist ihr Zielort.

Das eigentliche Hindernis: der Preis des Geldes

Warum steht die Wüste nicht längst voller Solarfelder? Wegen der Zinsen. Ein Solarpark kostet fast nur am Anfang — danach liefert die Sonne umsonst. Bei solchen Projekten entscheidet der Zins über alles:

Europa rund 4 % Kapitalkosten Afrika rund 12 %
Gewichtete Kapitalkosten für Erneuerbaren-Projekte (gerundet; IRENA 2024). Die beste Sonne der Welt verliert gegen bewölkte Standorte in Europa — nicht an der Technik, sondern am Kredit. Genau hier setzen Bürgschaften an.

Hier wird Politik gebraucht, nicht bei der Technik: Europäische Bürgschaften und Garantien gegen politische und Währungsrisiken können die Finanzierungskosten auf europäisches Niveau senken; erste Instrumente existieren im EU-Programm. Die Absicherung ist zugleich das legitime Druckmittel für Qualität: Wer Garantien will, akzeptiert transparente Vergabe, unabhängige Prüfung und lokale Beschäftigung. Augenhöhe heißt nicht Naivität — sie heißt nachprüfbare Regeln für beide Seiten.

Migration, ehrlich gedacht

Die Weltbank rechnet bis 2050 mit bis zu 216 Millionen Menschen, die innerhalb ihrer Länder abwandern müssen, 19 Millionen davon in Nordafrika. Die meistüberlesene Erkenntnis dieser Forschung: Die meisten Menschen wandern kurz, nicht weit — in die nächste Stadt, ins Nachbarland. Ob jemand seinen Kontinent verlässt, hängt davon ab, ob es in erreichbarer Nähe Orte mit Zukunft gibt.

Ein Marokko oder Tunesien mit wachsender Industrie und eigener Mittelschicht wird selbst zum Ziel — kein ausgelagerter Grenzschutz, sondern etwas Stabileres: Nachbarn, denen es gut geht, aus eigenem Antrieb. Zusammen mit Einwanderung über Bildung ergibt das ein Bild: Ausbildungszentren in der Region, zirkuläre Wege über das Meer, Fachkräfte, die auf beiden Seiten gebraucht werden. Die Weltbank schätzt, dass entschlossenes Handeln die klimabedingte Wanderung um bis zu vier Fünftel verringern kann — in wenigen Zahlen steckt so viel Handlungsspielraum.

Ehrlich gesagt

Dieses Konzept trägt die größten Risiken dieser Sammlung. Mehrere Partnerregierungen sind autoritär; wer russische Abhängigkeit durch nordafrikanische ersetzt, wiederholt den Fehler — Streuung über Länder und Routen ist Pflicht. Korruption kann Milliarden versickern lassen; daher die harte Kopplung von Garantien an Transparenz. Wasser kann zum Konfliktstoff werden, wenn „Wasser zuerst” nur auf dem Papier steht. Und Augenhöhe wird messbar an harten Größen: Wem gehören die Anlagen? Wie viel Wertschöpfung bleibt im Land? Wird Technologie übertragen oder nur Arbeit gemietet?

Dies ist ein Vorhaben für dreißig Jahre, nicht für eine Wahlperiode. Aber Kabel, Pipeline und Verträge entstehen jetzt. Die Frage ist, mit welchen Prinzipien.

Kein Geschenk

Nichts an dieser Partnerschaft ist Wohltätigkeit. Europa erhält verlässliche, klimafreundliche Energie und Vorprodukte, eine stabilere Nachbarschaft und Partner gegen den Arbeitskräftemangel. Nordafrika erhält Kapital, Technologie und Marktzugang. Beide geben, beide bekommen mehr zurück — das unterscheidet ein Geschäft von einem Almosen, und es ist der Grund, warum diese Partnerschaft halten könnte, wo frühere scheiterten.

Das Mittelmeer war die meiste Zeit seiner Geschichte keine Grenze, sondern ein Marktplatz. Es könnte wieder einer werden.