Der Sozialstaat: Wer trägt ihn — und wann

Ein Leben, zwei Rollen

Von außen betrachtet, nur mit Blick auf Geld, hat jedes Leben drei Phasen. Zwanzig Jahre getragen werden: Geburtsklinik, Schule, vielleicht Universität. Vier Jahrzehnte tragen: Steuern und Beiträge, mehr als man zurückerhält. Am Ende wieder getragen werden: Rente, Pflege — der Großteil der Gesundheitskosten eines Lebens fällt in die letzten Jahre.

Jeder Mensch ist also beides, Empfänger und Zahler — nur nicht gleichzeitig. Diese Beobachtung erklärt fast alles Weitere.

Das Förderband

Der Sozialstaat ist kein Sparbuch, auf das jeder einzahlt und später sein eigenes Geld abhebt. Er ist ein Förderband zwischen den Lebensphasen: Die arbeitende Mitte finanziert gleichzeitig die Kindheit der Jungen und das Alter der Älteren; ihre Beiträge werden im selben Monat wieder ausgegeben. Das war eine bewusste Entscheidung aus einer Zeit, in der das Band gut besetzt war.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Wer bekommt zu viel?” Sondern: Wie viele stehen gerade auf dem tragenden Teil des Bandes — und wie viele werden getragen?

Wer trägt

Von 84 Millionen Einwohnern sind rund 46 Millionen erwerbstätig. Auch innerhalb dieser Gruppe ist die Last ungleich verteilt: Nach Rechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft zahlt nur die einkommensstärkere Hälfte der Haushalte unterm Strich mehr ein, als sie an Geldleistungen erhält; mehr als die Hälfte der Einkommensteuer stammt von den oberen zehn Prozent.

Die im Netz kursierende Zuspitzung, „nur 15 Millionen” trügen den ganzen Staat, hält einer Prüfung nicht stand — sie rechnet den öffentlichen Dienst heraus, als leisteten Lehrerinnen, Polizisten und Pflegekräfte nichts. Ehrlich ist: Die genaue Zahl der Nettozahler hängt von der Abgrenzung ab und ist umstritten — die Struktur ist es nicht. Eine Minderheit finanziert zu jedem Zeitpunkt den überwiegenden Teil des Systems. Das ist kein Skandal, sondern die Bauweise des Förderbands: Fast jeder war schon auf der getragenen Seite und wird es wieder sein.

Warum sich die Rechnung verschiebt

Beunruhigend ist nicht die Momentaufnahme, sondern die Richtung:

Anfang der 1960er rund 6 Beitragszahler je Rentner Heute gut 2 Und die geburtenstärksten Jahrgänge wechseln gerade die Seite — Richtung eins zu eins.
Beitragszahler je Rentner in der gesetzlichen Rente (gerundet). Alle, die dieses Verhältnis in den nächsten zwanzig Jahren bestimmen, sind bereits geboren. Daten: Deutsche Rentenversicherung.

In den kommenden zehn Jahren wechseln die geburtenstärksten Jahrgänge der deutschen Geschichte vom tragenden auf den getragenen Teil des Bandes; die nachrückenden Jahrgänge sind deutlich kleiner. Das ist keine Prognose, die eintreffen kann oder nicht — alle Beteiligten sind geboren. Ein System, gebaut, als sechs einen trugen, muss anders aussehen, wenn sich das Verhältnis Richtung eins zu eins bewegt. Das auszusprechen greift niemanden an. Es beschreibt eine Rechenaufgabe, die sich nicht dadurch löst, dass man sie nicht anschaut.

Was daraus folgt

Drei Wege — keiner reicht allein.

Mehr Menschen auf das Band. Wer arbeiten kann und will, kommt in Arbeit — und Zuwanderung bringt gezielt Menschen ins Land, die tragen können und wollen: dafür steht Einwanderung über Bildung.

Das Band produktiver machen. Wenn weniger tragen, muss jede Arbeitsstunde mehr hervorbringen — durch Technik (Physische KI), Bildung und bezahlbare Energie für die Industrie (Energie).

Einen Vorrat anlegen. Ein Umlagesystem kennt keine Reserven; was hereinkommt, geht hinaus. Andere Länder haben neben das Band einen Speicher gebaut: Vermögen, das über Jahrzehnte wächst und mitträgt, wenn die Demografie kippt. Konzepte zu Rente und Gesundheit werden das auf diesen Seiten vertiefen.

Ehrlich gesagt

Wie viel Umverteilung gerecht ist, bleibt legitimer Streit; dieses Konzept nimmt darin keine Partei. Zwei Kurzschlüsse führen aber sicher in die Irre: „Leistungsträger” gegen „Empfänger” zu stellen, als wären das zwei Sorten Menschen — fast jeder ist im Lauf seines Lebens beides, und die getragenen Phasen sind kein Gnadenakt, sondern der Sinn der Veranstaltung. Und umgekehrt die Verengung der tragenden Basis zu leugnen — das verschiebt die Rechnung stillschweigend auf die Jüngeren, von denen viele noch Kinder sind.

Ein Sozialstaat mit Bestand braucht beides: die Solidarität des Förderbands — und die Ehrlichkeit, nachzuzählen, wer gerade darauf steht.